Volvo 245 Kombi Mitternachtsblau
28.12.2020
Ein Klassiker wird mit Airbrush-Technik aufgefrischt
Da ich in den 90ern immer öfter Aufträge bekam, wo ich nur vor Ort arbeiten konnte (Wandgemälde in Restaurants z. B.), war ein Fahrzeug mit entsprechender Ladekapazität vonnöten. Ein 245er schien uns da naheliegend. Den ersten kauften wir Ende 1991, der hatte einen B19 und kam aus Gent. Taubenblau war er und so unspektakulär wie zuverlässig. Als Ende der 90er dann die Umweltzone in Berlin drohte und wir ohne Kat nicht mehr nach Hause hätten fahren können, war es an der Zeit, sich nach einem anderen umzusehen. Da wir so zufrieden mit dem Modell waren suchten wir nach einem mit Kat aus der letzten Baureihe. Das war gar nicht so einfach. Wir fanden im Frühjahr '99 nach langem Suchen ein Exemplar, Baujahr '91, B230F Motor mit M47 5-Gang Getriebe, 124.000 km auf der Uhr, oft zum Skifahren in die Berge gescheucht und mit einigen Beulen und sichtbarem Rost an der Heckklappe. Dafür war er recht preiswert.
Gleich im Sommer nahm ich ihn mir zur Brust, der äußere Eindruck des Kombis als Werbeträger für einen Airbrusher war doch eher suboptimal. In der Lackiererei Gäbel, mit der ich seit '94 zusammenarbeitete, hatte ich die Möglichkeit, für ein angemessenes Äußeres zu sorgen. Also wurde alles hinter der Rückbank ausgebaut, Stoßfänger, Seitenbeplankung und die Dachreling entfernt. Die Heckklappe war schlimmer als sie aussah. Das ominöse, angepunktete Blechprofil, das die Dichtung hält, war unten teilweise schon weggerostet. Auch die Rahmen der Seitenscheiben sahen nicht gut aus und in den Reserveradmulden hauste der Gilb. Außerdem hatte das Auto vorn links einen neuen Kotflügel (der hatte nämlich kein Loch für die Beplankung der letzten Bauserie) und in der Fahrertür und unter dem Bodenteppich fand ich Glaskrümel. Offenbar hatte der Kombi mal einen Unfall.

Nun sollte das ja keine Luxussanierung werden und so wurde nur gründlich geschliffen, ein bißchen sandgestrahlt, der bewährte Epoxy-Primer aufgebracht und gespachtelt. Die Originalfarbe war Midnattsblå 604 und so keimte die Idee auf, eine Nacht- und eine Sonnenuntergangsszene aus unserem Lieblings-Urlaubsland mit unseren Lieblings-Fahrzeugen auf die Seiten zu bringen. Die Haube sollte schon aus Zeitgründen kein Motiv bekommen. Jeweils zwei Tage benötigte ich für eine Seite, komplett in Freihandtechnik mit der Airbrush ausgeführt. Die Besonderheit war dabei, dass so gut wie alle Farbtöne durch Abtönen der Grundfarbe Mitternachtsblau entstanden. Als ich dann mit allen fertig vorbereiteten Teilen am Freitag Vormittag auf Zugang zur Lackierkabine wartete, ergab sich durch eine Änderung im Zeitplan eine Wartezeit bis zum Mittag. Die schon mit blauem Basislack vorlackierte Hecktüre stand da so rum, die Farben der Seitenmotive hatte ich noch nicht entsorgt, also warum nicht hinten auch noch was draufbrushen? So entstand die Brandung an den Schären als Lückenfüller.
Technische Verfeinerungen
Da der 245er unser Alltagsauto war, ließen wir ihn wie jeder normale Autobesitzer bei Problemen von Fachbetrieben reparieren und ggf. auch umbauen. So wurde er z.B. auf Euro 2 umgerüstet und bekam mal eine neue Frontscheibe, weil die alte doch sehr zerkratzt war. Die entscheidende Änderung betraf aber das Fahrwerk. Da Volvo den letzten Modellen ja nicht mal mehr einen Stabilisator an der Hinterachse gönnte, war das Fahrverhalten, gelinde gesagt, etwas behäbig. Erprobte Abhilfe versprach der Einbau von Fahrwerkskomponenten vom Turbo, wie Stabis und Federbeine. Lesjöfors Federn sorgten für 30 mm Tieferlegung, die Hinterachse wurde um 40 mm spurverbreitert und bekam die bewährten Monroe Load Levellers spendiert. Wir hatten auch noch 4 Virgo Felgen aufgetrieben, die ich noch passend lackiert habe und 205/60er Reifen kamen drauf. Danach war das Auto nicht mehr wiederzuerkennen. Als wir z.B. 2007 mit dem 245er statt mit dem zu der Zeit motorlosen Buckel zum Volvotreffen auf dem Gotthardpass fuhren, musste sich niemand hinter uns langweilen, so drosch ihn Marianne um die Serpentinen. Nur unsere Traggelenke hatten eine wirklich schlechte Zeit!
In den nächsten Jahren tat er nach Volvo-Art brav seinen Dienst, nur zweimal traten größere Probleme auf. Das erste stellte unsere Geduld auf eine harte Probe. Irgendwann leuchtete die Gemischkontrollleuchte auf. Ich schätze, alle ahnen schon, was folgte. Ich kürze hier einfach mal ab, doch es wurden in den nächsten Jahren von diversen Werkstätten wirklich alle Teile, die auch nur entfernt mit der Abgasregelung zu tun hatten, ausgetauscht (inklusive Steuergeräte). Manchmal war für ein paar Monate Ruhe, ein andermal nur für einen Kilometer. Es lag dann letztendlich wohl an ein paar Signalkabeln und seit ein paar Jahren funktioniert wieder alles klaglos.
Dann stellten wir eine Durchrostung am Bodenblech und der Querversteifung unter dem Fahrersitz fest. Dieses Profil war bei näherer Betrachtung leicht verformt und die Punktschweißnaht zum Boden war leicht aufgebogen, sodass sich dort die wohlbekannten chemischen Reaktionen einstellten. Wir fanden unter dem Bodenteppich bei dieser Gelegenheit auch noch mehr Glasreste. Anscheinend waren die Unfallschäden wohl doch etwas umfangreicher gewesen. Bei genauer Betrachtung hatte die Unterseite vom Schweller unter der Fahrertür eine leichte Wölbung nach oben. Bei dem ominösen Unfall muss der Kombi in einen Graben o.ä. gerutscht sein, der Unterboden incl. Schweller bekamen Bodenkontakt und die Nähte gingen auf. Aus Zeitmangel wurde auch das nur lokal behoben.
Generalüberholung zum 25. Geburtstag
Als er 2016 25 Jahre alt wurde, waren einige Problemstellen nicht mehr zu übersehen. Wir hatten ihn ja auch nicht wirklich gepflegt und wir mussten uns so langsam entscheiden, ob wir ihn behalten und zum Oldtimer machen wollten. Wirkliche Altenativen gab es nicht, vor allem da wir inzwischen eine ausgeprägte Neuwagenallergie entwickelt hatten. Da ich mich einige Jahre zuvor aus dem Airbrushbusiness zurückgezogen hatte, fragte ich bei meiner alten Lackiererei Gäbel an, ob die Überholung nicht dort mit meiner Mithilfe vonstatten gehen könnte. Kein Problem, sagte man mir und so fuhr ich für die nächsten 8 Monate wieder an meine alte Arbeitsstätte.
Ja, 8 Monate, denn es war doch viel mehr zu tun, als wir befürchtet hatten. Aber wir konnten jetzt einfach nicht mehr zurück. Ich will hier nicht mit Details langweilen sondern nur die "Highlights" erwähnen. So hatte sich durch die Luftführung von den Lüftungsschlitzen zu den Schwellern durch Flugsamen ca. 10 Liter Kompost in denselben angesammelt. Die wurden dann großflächig erneuert. Die hinteren Radläufe waren auch dran, rechts komplett ersetzt, links teilweise. Am meisten gewundert haben wir uns über durchgerostete U-Profile über der Hinterachse. Die sind dort wegen der Feder- und Stoßdämpferaufnahme verstärkt und ca. 5 mm dick. Außerdem waren die hinteren Radkästen durch beschädigten Unterbodenschutz an der höchsten Stelle von außen nach innen durchgerostet. Eine gute Idee ist zudem, das Dichtungsprofil, das oben an der Spritzwand verhindert, dass Luft aus dem Motorraum direkt zu den Lüftungsschlitzen gelangt, mal probeweise abzuziehen. Dahinter waren bei unserem auch Rostlöcher.
Den Frontscheibenrahmen durften wir auch schweißen, da beim Rausschneiden der alten Scheibe durch eine bekannte Autoglasfirma der Rahmen stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, ohne dass der Rostschutz erneuert worden wäre. Undicht war zudem die Verklebung in der linken unteren Ecke, daher auch manchmal die Feuchtigkeit im Fußraum.

Im Sommer 2017 war dann alles fertig und diesmal haben wir auch auf den Hohlraumschutz geachtet: Mike Sanders Fett bis es überall rauslief. Snow Caps über den Lüftungsschlitzen beugen jetzt hoffentlich einem neuen Schwellerbiotop vor und die hinteren Radkästen sind jetzt nur noch satt lackiert und mit Wachs geschützt. So kann ich in Zukunft Beschädigungen früh erkennen. Für's H-Kennzeichen in 2 Jahren ist also alles vorbereitet.
Inzwischen gehört der Kombi ja auch zu den Exoten auf der Straße und wenn ich beim Baumarkt 2m lange Platten im Heck verschwinden lasse, dann weiß ich, dass wir uns richtig entschieden haben.
Bilder: Detlev M. Lehmann, Beitrag mit freundlicher Erlaubnis von GÄBEL Lack & Karosserie, Berlin

