Bericht: International VOLVO 480 Meeting 2024
25.05.2024Mit dem „Kleinen Elch“ auf Pfingstausflug
Auf der Straße ist der kleine, flache Volvo mit den markanten Klappscheinwerfern und der Bezeichnung 480 nur noch sehr selten zu sehen - doch es gibt international eine gut vernetzte Liebhaber-Community für diesen Klassiker. Über Pfingsten kamen mehr als 100 dieser inzwischen historischen Autos zusammen. Nie zuvor haben sich so viele Auto dieses Typs zusammengefunden.
Sportlich und innovativ sollte das Auto werden und in den 1980er-Jahren das Erbe des legendären Volvo P1800 „Schneewittchensarg“ antreten. Nach einem Designwettbewerb entschied sich der schwedische Autohersteller für ein niederländisches Konzept und baute dann von 1986 bis 1995 im holländischen Volvo-Werk dieses für Volvo völlig untypische Fahrzeug. Das kleine Coupé überraschte mit Komfort, einer komplexen Bordelektronik und modernen Materialien – aber auch mit hohen Preisen und anfänglichen Kinderkrankheiten.
Das besondere Design, das Konzept aus Sportlichkeit und Praktikabilität macht den Wagen heute zu einem seltenen, aber gern gesehen Klassiker.

„Volvo 480-Meetup 2024“: Größter Fanclub des Kleinen Elches in Brüggen/Niederrhein und Eindhoven
Die Statistik des Kraftfahrtbundesamtes in Flensburg weist für den 1. Januar 2023 noch 420 zugelassene Exemplare des Volvo 480 in Deutschland aus. Wieviele in Scheunen, Garagen oder im Garten hinter dem Haus lagern, lässt sich natürlich nicht sagen. Gebaut wurde er von 1986 bis 1995 im niederländischen Born. 1975 übernahm Volvo das Werk und die DAF-PKW-Produktion, manche werden sich noch an den Volvo 66 oder den 343 erinnern, die eigentlich DAFs waren.
Der 480 war Volvos Einstieg in die Welt des Frontantriebs. Ursprünglich besonders für den US-Markt konzipiert, wurde das „Shooting Brake“ genannte Design aufgrund des miesen Dollarkurses dort allerdings nie angeboten und so musste es seinen Erfolg in Europa finden. Auf der gleichen Plattform kamen dann noch die Mittelklasse-Limousinen 440 und 460 hinzu, die noch bis 1996 gebaut und dann durch den S40 abgelöst wurden. Der 480 selbst bekam keinen direkten Nachfolger; der C30, von 2006 bis 2012 gebaut, spielt jedoch ein wenig auf ihn an.
Einmalig: 100 Volvo 480 an einem Ort versammelt
Organisiert wurde das bisher größte und internationalste 480er-Meeting von Martin Percival (GB), Thijs Dijkstra (NL) und Jan Wichert (Berlin). Martin und Thijs waren schon dabei, sich um ein Treffen zu kümmern, Jan hatte bereits im letzten Jahr ein kleineres Meeting mit 22 Fahrzeugen bei Osnabrück organisiert und machte sich Gedanken über ein Folgetreffen. Das Trio fand zueinander und legte dann richtig los: Als Treffpunkt wurde Brüggen in Deutschland gewählt, nahe der niederländische Grenze bei Eindhoven und dem NedCar-Werk in Born, wo der 480 seinerzeit produziert wurde. Am Ende kamen mehr als 100 Fahrzeuge aus zehn Ländern zusammen. Der größte Teil aus den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland.
Da man mit seinem 480 meist allein unterwegs ist und so gut wie nie einen zweiten trifft (selbst die 440 oder 460 sind heute so gut wie ausgestorben) ist es ein faszinierendes Erlebnis, plötzlich ein Exemplar vor oder hinter sich zu sehen. Und noch beglückender ist es, auf dem Parkplatz vor dem Hotel gleich dutzendweise auf Fans des Kleinen Elches zu treffen, sich auszutauschen, von den eigenen Erfahrungen und Abenteuern zu erzählen und die anderen zu hören.

Zum Beispiel Thijs Dijkstra, einer der drei Organisatoren des Meetings: Er fährt seit acht Jahren einen 480 und erzählt aus seiner Kindheit: „Als ich sieben Jahre alt war, kaufte mein Vater einen Volvo 480Turbo. Er holte ihn aus Monaco und brachte ihn nach Holland. Leider fuhr ich nicht mit, das wäre für mich sicher großartig gewesen. Aber als ich ihn sah, wusste ich: Das ist mein Auto! Er war rot wie ein Ferrari, was mich sehr faszinierte. Und als ich 17 wurde, sagte mein Vater: „Thijs, es ist an der Zeit, für dich einen Wagen zu kaufen.“ Und das war ein 480. Ich fahre ihn bis heute. Mein Vater hat seinen roten 480 auch noch, er steht in seiner Sammlung mit P1800, Amazon und anderen Volvos.“
Thijs liebt es, sein Auto und das Vergnügen daran mit anderen zu teilen. Von Anfang an begeisterten ihn die Klappscheinwerfer und er fährt seinen Wagen bis heute nur mit hochgeklappten Lampen.
Oder Ahti Peura aus der Nähe von Turku in Finnland: Er scheute die 1600 Kilometer bis nach Brüggen nicht und war anderthalb Tage unterwegs. Während es in den Niederlanden, Deutschland oder Großbritannien recht große Communities um den 480 gibt, sind die Fans in Finnland rar gesät, wie er sagt: „Die Facebook-Gruppe bei uns ist nur sechs Mitglieder klein. Aber mich fasziniert der Wagen schon, seit ich zehn Jahre alt bin. Heute bin ich 42 und fahre den 480 seit 2003. Er ist wirklich ‚something complete different’. Nach Brüggen kam Ahti mit seinem zweiten und das Meeting war für ihn ein großer Ansporn, die Frontpartie nach einer Reparatur wieder rechtzeitig zusammenzusetzen. Warum einen solchen Wagen? „Es ist schwer zu beschreiben. Zuerst der komplett andere Look des 480. Das ganze Konzept ist einfach einmalig und es ist ein gutes Gefühl, einen 480 zu fahren.“ freut er sich. Was ihn begeistert, ist die internationale Communitity: „Alle sind unheimlich hilfsbereit und helfen bei allen Problemen und auch mit Ersatzteilen. Das ist wunderbar!“
Das gemeinsame Erleben der sonst einsamen 480-Fans
Bei knapp 400 zugelassenen Fahrzeugen ist es schon sehr selten, in Deutschland einem auf der Strasse zu begegnen. Nur wenige kennen den Wagen heutzutage, was zu interessanten Erlebnissen führt: Abends, auf dem Hotelparkplatz in Brüggen, stehen zwei etwa 15jährige Jungs zwischen den geparkten Wagen und fragen sich, was das denn nur für Autos seien. Sie sind auf dem Weg zur Kirmes gleich nebenan, die Musik schallt herüber. Sowas haben sie noch nie gesehen, sagen sie und fragen interessiert nach. Sie sind neugierig und fasziniert vom dem 480. Sie kommen ins Gespräch mit einem der Fahrer und sind mehr und mehr begeistert. Sie stecken noch weitere Jugendliche an, die auch auf dem Weg zum Jahrmarkt sind. Alle blicken fasziniert auf die Autos, gehen drumherum und stellen interessiert Fragen: Was das für ein Auto ist, wo man es bekommen könnte. Sie blicken begeistert ins Cockpit und der eine oder andere überlegt, ‚so eine geile Karre‘ auch zu fahren. Sie lassen sich mehr als eine halbe Stunde aufhalten und haben die Kirmes völlig vergessen.
Der Höhepunkt des Pfingstwochenendes war am Samstag die Ausfahrt zum Parkplatz der „International School Eindhoven“, denn dort wartete ein Gespräch mit den drei Personen, die seinerzeit maßgeblich an der Geburt des Volvo 480 mitgewirkt hatten: John de Vries (Stylist des Volvo 480, Gestaltung der Karosserie und verantwortlich für diverse technische Features), Robert „Rob“ Koch (damals Chef des Volvo-Design-Centers in Helmond) und Corien Pompe (Chefdesignerim „Colour and Trim“). Sie berichteten ausführlich und gut gelaunt über die Entstehung des Fahrzeugs.
Auch wenn manchem Fan schon vieles davon bekannt sein mochte, gab es einiges neues über das Werden dieses Ausnahme-Volvos: Zum Beispiel konnten die Klappscheinwerfer nicht so gestaltet werden, wie ursprünglich geplant, weil eine Diesel-Variante gebaut werden sollte und die dafür notwenige starke Batterie den Raum hinter der Front zu sehr einschränkte. Der Diesel kam jedoch nie. Oder wie wichtig kleinste Details in der Gestaltung des Hecks waren, um die Rücklichter stärker zu betonen. Auf die Frage, was die drei heute anders machen würden, kam die einhellige Antwort: „Absolut nichts.“ Der 480 ist eine Design-Ikone, an der bis heute nichts zu verbessern wäre, das Auto sei bis heute perfekt und einmalig!
Nettes Bonmot von John de Vries: Er gab seinen 480er-Dienstwagen ab, weil seine Kollegen immer größere Wagen fuhren und er in seiner dadurch geschrumpften Parklücke nicht mehr aussteigen konnte, sich die endlos langen Türen des 480 nicht weit genug öffnen ließen. Ein Problem, mit dem sich jeder 480-Fan bis heute und immer mehr herumschlagen muss: Akrobatik ist im Parkhaus häufig angesagt.
Abendessen gab’s anschließend im Restaurant „De Witte Stein“ in Reuver in unmittelbarer Nähe der Grenze bei Brüggen.

Am Pfingstsonntag ging es mit einer entspannten Ausfahrt ins Niederrheinische Freilichtmuseum Dorenburg nach Grefrath. Dort war, mitten im laufenden Gartenmarkt, eine große Wiese für die Wagen reserviert, die für drei Stunden zur bestaunten Attraktion wurden. Anschließend ging’s weiter zur Pferderennbahn in Krefeld, einer wunderschönen historischen Reitanlage mit Golfplatz – mitten in der Rennbahn.
Der Abend klang aus im Restaurant „Haus Bey“ in Nettetal. Da das Hotel Probleme hatte, das geplante Grillbuffet anzubieten, musste in kürzester Zeit ein Ausweich-Abendquartier für 85 Personen gefunden werden, was Jan aufgrund guter Beziehungen tatsächlich hinbekam und die Küche des „Haus Bey“ die Herausforderung annahm, innerhalb von vier Stunden ein Buffet zu organisieren – Hochachtung!
Martin, Thijs und Jan: Drei Fans mit Lust auf Gemeinsamkeit
Das bisher größte Treffen der Fans des Volvo 480 wäre ohne das Engagement von drei Europäern nicht zustande gekommen. Sie verbrachten in den vergangenen Monaten viele Stunden mit der Organisation des Meetings. Die drei machen im Gespräch sehr deutlich, dass es neben dem Arbeitsaufwand auch ein ein großes Vergnügen war, das Event auf die Beine zu stellen.
Jan lebt seit 18 Jahren in Berlin und kommt aus einer „Volvo-Familie“, wie er sagt: „Meine ersten beiden Autos waren 240er, dann wollte ich etwas sportlicheres haben und hab’ mir bei der Eltern das „Go“ für einen Zweitürer geholt, einen 480 ES und dann später einen Turbo. Mit dem bin ich während des Studiums zwischen Osnabrück und Hildesheim hin- und hergedüst. In Berlin brauchte ich dann aber kein Auto und hab’ ihn verkauft. In der Corona-Zeit musste aber doch einer wieder her. Ich hatte immer die alte Liebe zu dem Auto. Danach organisierte ich ein Treffen in Berlin und eines in Osnabrück. Und für dieses Jahr plante ich schon an einem neuen Meeting und es ergab sich die Zusammenarbeit mit Martin und Thijs.“
Martin lebt in Fareham in der Nähe von Southampton. Und genau wie Jan legte er sich während der Corona-Pandemie einen Kleinen Elch zu. Schon mit dem Kauf im Mai 2021 dachte er über ein Treffen nach. Der Wagen war allerdings in schlechtem Zustand und es war klar, dass der nicht mehr lange leben würde. Als er für eine Freundin einen 480 mit Automatik suchte, fand er einen roten 480GT aus der „Celebration“-Auflage, den letzten 480 Exemplaren für Großbritannien. Aber keinen mit Automatik. „Ich hatte mein Auto gefunden! Den ersten Kontakt mit dem 480 hatte ich 1995,“ erzählt er gut gelaunt, „eine Kollegin fuhr einen 480-TwoTone, eine Farbvariante Grün-Silber. Ich sagte ihr, dass er mir gut gefiele und sie antwortete: ‚Ich liebe mein Auto!‘ Ich dachte, es ist wirklich ein cooles Auto, verlor es damals aber aus dem Blick.“
Vor zwei Jahren bekam er Kontakt zu Thijs: „Wir haben uns von Beginn an sehr gut verstanden und als ich im letzten Jahr von Jan hörte, der ein erfolgreiches Treffen in Osnabrück organisiert hatte, war unser Dreierteam komplett. Ich dachte, wir könnten gutes Team sein. Und das waren wir dann auch.“
Und Thijs, warum engagiert er sich? „Der 480 ist meine große Passion. Er war seit meiner Kindheit mein Traumauto und ich möchte meine Freude zeigen, einen 480 zu fahren.“ Und er strahlt dabei seine Begeisterung aus. „Wir drei haben vor einem Jahr mit den Planungen begonnen und seitdem vielleicht 100 oder 200 Stunden investiert. Und es macht mich glücklich, wenn die Fans sagen: ‚Hey, ihr habt für dieses Treffen wirklich einen guten Job gemacht!‘ Das war die Arbeit wert.“
Sie haben zu dritt ein phantastisches Meeting auf die Beine gestellt. Martin meint dazu: „Thijs und Jan haben die meiste Arbeit gemacht. Ich dachte, wir sollten 40 Autos zusammen bekommen. Und nun sind es 100 geworden. Ich bin stolz darauf, es ist ein wirklich internationales Meeting geworden. Ich habe anderthalb Jahre in Berlin und vier Jahre in den Niederlanden gelebt und ich fühle mich als echter Europäer. Das ist momentan nicht wirklich populär in GB!“ Und er lächelt, very british, während er das sagt…
Der 480, Volvos Start in die Zukunft
Was den „Kleinen Elch“ für technisch Interessierte bemerkenswert macht: Er ist der erste Volvo mit Frontantrieb. 1986 feierte er auf dem Genfer Autosalon Premiere. Die Maschine, ein 1,7-Liter Benziner mit 75 kW, kam von Renault. Für die Turbo-Variante mit 90 kW wurde sie von Porsche überarbeitet. Die Hinterachse kam von Lotus.
Die kleine, kühn und scharf geschnittene Karosserie des Viersitzers war ursprünglich für den US-Markt bestimmt, daher wurden Klappscheinwerfer nötig, um die damals in den USA geforderte Mindesthöhe für die Scheinwerfer zu erreichen. Weiter führte die Platzierung des Kühlergrills mit dem Volvo-Logo unterhalb der Stoßstange zu heftigen Kontroversen. Oberhalb war es unmöglich, so wurde dort nur ein kleiner Schriftzug „VOLVO“ als Kompromiss angebracht, was aber zu einer einmaligen Frontpartie führte.

1990 wurde eine Cabrio-Version vorgestellt, die aber nie in Serie ging. In Eindhoven war auf dem Pfingsttreffen ein Cabrio-Unikat zu bewundern. Rob Koch merkte dazu an, dass es ohne Überrollbügel, wie es dort zu sehen war, niemals in Serie gegangen wäre, weil es den damaligen Sicherheitsstandards von Volvo nicht entsprochen hätte.
In den Jahren von 1986 bis 1995 wurden etwa 76.000 Exemplare des Volvo 480 gebaut. Er war auch ein Technikträger, an dem neue Dinge und Materialien eingeführt wurden: Verbaut war ein Bordcomputer (CEM – Central electronic module), in dem viele Funktionen zusammengefasst wurden und der anfangs des öfteren Probleme bereitete. Teile der Karosserie bestanden aus Kunststoff, die Motorhaube war komplett aus GFK gefertigt. Was den 480 zum Leichtgewicht machte: Das Fahrzeug wiegt leer nur wenig mehr als 1000 kg.
Heute plagen sich die Fans dieses aussergewöhnlichen Volvos oft mit Ersatzteil-Problemen herum. Manchmal zickt auch die Technik rätselhaft. Beispielsweise fällt das Kombiinstrument gern aus, oder der Tacho bleibt einfach stehen. Aber dieser Fehler ist inzwischen bekannt: Ein kleines Zahnrad im Tacho verträgt sich nicht mit dem Schmiermittel und löst sich einfach auf. Dafür gibt es inzwischen Ersatz und mit etwas Pfriemelei ist das Problem meist zu beheben. Aber das alles ficht die Fans nicht an: Sie sind von ihrem sehr individuellen und inzwischen sehr raren fahrbaren Untersatz wirklich angetan und nehmen dafür gern einige Herausforderungen in Kauf. Ihr Vorteil: Die Fan-Gemeinde ist äusserst hilfsbereit und irgendwo findet sich immer jemand, der bei Problemen weiterhilft.
Text: Michael Ruff, Intro von Jan Wichert
Infos
Was:
International Volvo 480 Meeting 2024
Wann:
17.05. - 20.05.2024
Wo:
Brüggen (D) und Eindhoven (NL)























