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Reise-Blog: Wüsten, Unwetter und bekiffte Bären

09.08.2012

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Nordamerika-Tour Sommer 2012


Der Reise-Journalist Reinhard Pantke berichtet von seiner aktuellen Tour mit dem Fahrrad durch die USA, Kanada und Alaska. Begleiten Sie ihn virtuell auf seiner Reise und erfahren Sie interessante Details über Land und Leute!

Laserschau am Mega-Staudamm

Am nächsten Tag sehe ich in dem kleinem Ort umgestürzte Bäume und große Äste, nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn mich das Unwetter schutzlos in der Halbwüste erwischt hätte. Der Tag führt mich durch wüstenartig, karge Gegenden. Ich bin froh, dass ich nicht in der prallen Sonne fahren muss und die Temperaturen erträglich sind.

Auch am Grand Coulee Damm knockt das nächste Unwetter die örtliche Stromversorgung aus, und als es dann noch golfball-große Hagelkörner prasselt, beschließe ich mein Budget zu strapazieren und in das einzige teure Motel zu wechseln.
Die wirklichen Dimensionen dieses gigantischen Staudamms werden erst sichtbar, wenn man abends die Lasershow sieht, in deren Verlauf z.B. die Freiheitsstatur in Originalgröße auf die Wassermassen projiziert wird. Der von 1933 - 1941 gebaute Damm ist 1,6 km breit und fast 170 m hoch und ist noch immer das größte Wasserkraftwerk der USA!

Während der nächsten Tagesetappe ändert sich die Landschaft wieder - aus der Halbwüste klettere ich über einen Gebirgspass in ein wunderschönes, ruhiges Flusstal, dem ich über 120 km durch ein riesiges Indianerreservat folge.

Auf dem Campingplatz des Nestes Republic ist abgesehen von mir nur ein Motorradfahrer mit einer sündhaft teuren Harley Davidson. Als wir später bei einem Bier am Lagerfeuer zusammen hocken, erklärt er mir stolz, dass seine „Harley“ gut 40.000 Dollar gekostet hätte und dass er nie in den andere Länder reisen würde, da er dort ja seine Pumpgun nicht mitnehmen dürfte... Manche Amerikaner scheinen ein fast archaisches Verhältnis zu Schusswaffen zu haben, sie pochen auf Rechte, die ihnen durch eine vor über 200 Jahre gemachte Verfassung noch immer garantiert werden. Im Nordosten der USA kommen z.B. auf einen Einwohner sechs Schusswaffen; in der gleichen Unterhaltung beschwert sich der Motorradfahrer über die unhöfliche und „rustikale“ Vorgehensweise vieler Polizisten - wen wundert es, wenn jede Aktion, selbst eine einfach Verkehrskontrolle - grundsätzlich mit dem Risiko verbunden ist, in den Lauf einer Waffe schauen!

Regen und „Rücken“

Tags drauf habe ich grade mein Zelt abgebaut, als der Himmel seine Schleusen weit öffnet und es aus Eimern kübelt. Doch der nächste Ort mit Café ist ausnahmsweise nicht weit weg! Kälte und Regen sind Gift für meinen Rücken und als ich aufstehe, fühle ich einen Messerstich im Rücken. Ich brauche allein fünf Minuten, um grade zu stehen und weitere fünf Minuten, um aufs Fahrrad zu kommen - doch ich habe Glück: ich finde im Ort ein kleines Motel und eine Massagepraxis, wo mich eine Dame, die einen Händedruck wie ein Holzfäller und Oberarme wie die kleine Schwester von A. Schwarzenegger hat, wieder „grade zieht“.

Endlich: „Back to Canada“

Nach zwei Tagen R&R-Pause (Regen- und Rückenpause) geht es bei Sonne durch ein wunderschönes Flusstal immer leicht bergab zur kanadischen Grenze. Wer übrigens denkt, dass diese riesige, mehrere tausend Kilometer lange Grenze abseits der Übergänge leicht zu überqueren ist, der irrt gewaltig. Immer wieder erzählen mir die Einheimischen Geschichten, dass die Grenze zwischen beiden Ländern insbesondere auf amerikanischer Seite stark mit Drohnen, Kameras und bemannten Patrouillen kontrolliert wird. Ein Bauer, der nahe der Grenze lebt, erzählt mir, dass ihm mal einige Kühe über die Grenze ausgebüxt sind. Als er sich entschloss, diese auf eigene Faust aus der Mitte von Nirgendwo zurück zu holen und nur wenige Meter über die Grenze gelaufen war, kreuzte binnen 10 Minuten eine schwer bewaffnete Grenzschützereinheit der USA vor ihm auf. Die kanadischen Grenzbeamten hatten bis vor ein paar Jahren nicht mal Waffen und drückten einfach auf den Knopf, wenn es Ärger gab. Zufrieden schlage ich mein Zelt in Grand Forks auf.

Unterwegs auf dem KVR-Trail

Ich beschließe auf dem KVR-Trail weiter zu fahren. Der KVR-Trail führt in über 750 km auf einer stillgelegten Eisenbahntrasse immer weiter ins Innere von British Columbia. Die Eisenbahntrasse verband einst abgelegene Siedlungen im Inneren mit der Küste und ermöglichte den Transport von Bodenschätzen oder Früchten zu die Häfen und Metropolen an der Westküste. Mit dem Bau neuer Straßen wurde der Transport auf der Schiene und der Erhalt der Anlagen unrentabel. Schließlich legte man die Strecke in den 70er Jahren still und wandelte sie später, indem man die Gleise entfernte, in einen Pfad für abenteuerlustige Radtouristen um. Viele der alten Brücken wurden liebevoll restauriert, so dass man heute ohne steile Steigungen und Verkehr bewältigen zu müssen, tiefer in die Bergwelt Westkanadas vordringen kann. Der KVR-Trail ist übrigens Bestandteil des Trans-Kanada-Trails, der einmal auf 18.000 km quer durch Kanada führt und Radfahrern und Wanderen vorbehalten ist.

Bekiffte Bären, vollgelaufene Tunnel und ein unglaubliches Unwetter

Von Christina Lake geht es in 100 km über einen 1200 m hohen Pass nach Castlegar. Am Ortsrand warnt ein Schild vor „Bären, die an menschliches Futter gewöhnt sind“, als ich später nachfrage erzählt mir jemand, dass vor einigen Jahren auf einer einsamen Farm jemand Marihuana angepflanzt hatte. Anscheinend wollte der umtriebige Farmer sich die Bären als „Schutzgarde“ vor neugierigen Augen halten und mischte den Bären auch immer ein paar Pflänzchen unters Futter. Doch das Ganze verlief nicht im Sinne des Farmers (siehe auch den Link zum Ausgang der Geschichte).

Zunächst muss ich 35 km bergauf radeln, während der ganzen 110 km langen Tagesetappe treffe ich vier Leute. Mittendrin sind auch einige längere Eisenbahntunnel zu durchqueren. Der längste Tunnel ist über einen Kilometer lang und stockdunkel, das Licht meiner Taschenlampe reicht kaum bis an die Wände neben mir. Teils stapfe ich knöcheltief durch Wasser, das im Tunnel steht. Nichts für Leute mit klaustrophobischen Neigungen, ich stelle mir zu allem Überfluss noch vor, was wohl passieren würde, wenn sich mal ein Bär oder ein Elch in den Tunnel verirrt!

Eigentlich will ich ich in der Nähe der Passhöhe mein Zelt aufschlagen, doch mein Plan geht nicht auf: Von Westen nähert sich eine riesige Unwetterfront mit pechschwarzem Himmel, Sturm und zuckenden Blitzen - ein einsamer Bergpass ist wohl der unpassenste Ort zu dieser Zeit! Ich fahre immer weiter und muss mit der einsetzenden Dämmerung höllisch aufpassen, da Teile der geschotterten Trasse weggespült oder unterspült sind. Fast stoße ich mit drei Elchen zusammen, die nur wenige Meter vor mir panisch die Trasse kreuzen. Irgendwann erreiche ich eine große, breite Straße, es ist mittlerweile stockdunkel, gießt aus Eimern und überall zucken gigantische Blitze. Irgendwann finde ich eine große weite Straße, links und rechts neben mir leuchten die Blitze auf. Wenn ich jemals Angst vor der Tour gehabt habe, dann wohl in diesem Gewitter!
Erst kurz vor 22.00 Uhr erreiche ich Castlegar und finde tatsächlich ein Motel. Ungläubig schaut der Betreiber den vollständig durchnässten Radfahrer an, der sein Büro binnen Sekunden in eine große Pfütze verwandelt: “Wo bitte, kommst Du bei diesem Wetter her?“ Er will mir anfangs nicht glauben, dass ich bei diesem Wetter nur mit Fahrrad unterwegs bin und fragt mich mehrmals, wo ich mein Auto geparkt habe!

Wie es weitergeht, lesen Sie in 14 Tagen - „See you“ ...

Reisetipps

Fahrradtouren in Kanada

Geführte Fahrradtouren auf dem KVR-Trail und auf dem Icefields Parkway bietet "West Canada Bike Tours". Mit Gepäcktransport, fachkundigem Guide und prima Koch, der die Touren begleitet. Siehe Link.

Weitere Infos zu den beschriebenen Orten - siehe unten genannte Links.

Text und Fotos © Reinhard Pantke

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