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Reise-Blog: Stockholm und der Götakanal

13.08.2014

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Skandinavien-Tour Sommer 2014


Der Reise-Journalist Reinhard Pantke berichtet von seiner aktuellen Tour mit dem Fahrrad durch das Baltikum, Schweden und Norwegen bis nach Nordfinnland. Begleiten Sie ihn virtuell auf seiner Reise bis zum Nordkap und erfahren Sie interessante Details über Land und Leute!

Mit der Fähre nach Stockholm

Es ist fast Mitte Juni geworden im Verlaufe meiner über drei Monate langen Mammut-Radtour, die in Deutschland begann, mich durchs Baltikum führte und nun mit der Fähre von Riga nach Stockholm weitergeht.

Als Sparfuchs teile ich mir die Kabine natürlich mit Unbekannten. Als ich die Kabinentür öffne schlägt mir intensiver Wodkageruch entgegen, der allein zum Konservieren diverser Kleintiere reichen würde, und zwei Russen recken mir freudestrahlend ihre Wodkaflaschen entgegen.

Nüchtern, aber trotzdem mit dickem Kopf, erreiche ich am nächsten Morgen Stockholm. Die Hauptstadt Schwedens empfängt mich mit Sonne pur. Zwei Tage sind viel zu kurz, um die über viele Inseln verteilte, entspannte Metropole des Nordens zu erkunden. Boote werden hier wie Busse benutzt und für jeden Geschmack ist etwas dabei. Egal, ob man lieber Museen, wie das z.B. Vasa-Museum oder das Abba-Museum anschaut, sich gemütlich durch die Schärengärten schippern lässt, die engen Gassen und prunkvollen Paläste der Altstadt bestaunt oder einfach die wunderbaren Abende mit dem nicht enden wollenden Tageslicht in einem der Restaurants ausklingen lässt.

Meine Unterkunft kann ich dafür gern verwinden, es ist ein „Hotel“ in dem man die fensterlosen Umkleidekabinen zu Minizimmern umgebaut hat. Fenster kosten extra - nichts für Leute mit klaustrophischen Gefühlen!

Seenland

Einige Radetappen südlich von Stockholm erreiche ich später den Beginn des Götakanals. Westlich von Mem beginnt der erste künstliche Abschnitt des Kanals, der durch einige der schönsten Seen Schwedens und durch zwei weitere Wasserwege von der Ostsee nach Göteborg führt.

Die Schweden waren einst die Vormachtstellung der Dänen leid, die ihre strategisch günstige Lage an der Meeresenge des Großen Belts nutzten, indem sie diesen Zugang in kriegerischen Zeiten blockierten oder Schutzzölle forderten. Zehntausende buddelten zeitweilig über 20 Jahre an der Wasserstrasse, die lange nur von Segelschiffen befahren wurde, die auf den Treidelpfaden längs des Kanals von Karren gezogen wurden. Die mehr als 90 Meter Höhenunterschied zwischen den fünf Seen werden durch 58 Schleusen bewältigt! Viele Freiwillige sind im Sommer „Schleusenwärter“ und bedienen die hölzernen Schleusentore teils noch heute mit harter Muskelkraft. Besonders beeindruckt bin ich an der Schleusentreppe von Berg, wo sich die Boote in sieben Schleusen über 18 Meter langsam den Berg hinaufschleichen.

Wer wie ich mit schmalem Geldbeutel lebt, kann auch direkt am Kanal auf einfachen Lagerplätzen mit Feuerstelle und Plumsklo sein Zelt aufbauen. Für gehobene Ansprüche gibts bei größerer Brieftasche auch einige wunderschöne am Kanal gelegene rustikale Hotels, die Gemütlichlichkeit und Behaglichkeit ausstrahlen. Nach „Midsommar“, in der kurzen Hauptreisezeit der Schweden, sollte man die festen Unterkünfte auf jeden Fall vorab reservieren!

Einziger Wermutstropfen ist, dass es leider kein Boot zwischen Motala und Karlsborg gibt, das am Westufer des Sees gelegen ist. So muss ich um das Luftlinie nur wenige Kilometer entfernte Städtchen zu erreichen, einmal 100 km um den nördlichen Teil des Sees herum fahren. Ende Juni startet in Motala übrigens jedes Jahr die „Vätternrundan“, ein 300 km langes Radrennen rund um den Vätternsee, bei dem durchschnittlich über 30.000 Radfahrer mitfahren und sich durch die nicht ganz dunkle Nacht kämpfen!

Weiter bike ich nach Karlsborg, einem Kleinstädtchen, das wunderschön zwischen dem Vänern- und dem Vättern-See gelegen und somit von Wasser umgeben ist.

Elchtest gefällig?

Immer wieder führt der Weg durch kleine Dörfer mit gemütlichen roten Hexenhäuschen und idyllischen Gärten, die der Phantasie Astrid Lindgrens entsprungen zu sein scheinen. Der Götakanal besteht nur knapp zur Hälfte aus einem künstlich angelegten Kanal. Auf geschotterten Treidelpfaden längs des Kanals, den Nebenstrassen und gar steilen Waldwegen komme ich nur langsam vorwärts. Als ich auf einem schmalen Waldweg bergfahre, lugt plötzlich kaum zwei Meter neben dem Weg ein Elch aus dem Wald. Das riesige Tier bleibt regungslos stehen, ich fahre dicht an ihm vorbei und bestehe den „Elchtest“ grade noch so, ohne den Lenker zu verreissen. Als ich mich kurz nach 50 Metern umdrehe, rast er plötzlich blitzschnell zurück in den Wald; ein wesentlicher Teil der Elchtarnung ist wohl das regungslose Verharren.

Herrlich, direkt am Kanal gelegene Cafes und Unterkünfte verlocken mich immer wieder zu Pausen! An manchen Tagen scheinen die Schleusenwärter etwas mehr Freizeit zu haben, eine Frau verkauft wunderbare Blaubeermuffins und Erdbeerkuchen ofenfrisch an hungrige Radfahrer.

Immer wieder bewundere ich die vielen Segelboote und die alten Kanalschiffe, die heute noch fahren. Als Transportweg für Waren und Güter hat der Kanal keine Bedeutung mehr, aber vom 1. Mai bis Ende September ist der Wasserweg ein Mekka für Freizeitboote! In Sjötorp mündet der Kanal in den riesigen Vänernsee und ich radle etwas wehmütig wieder auf normalen Strassen in Richtung Göteborg.

Oldies, but Goodies

Die Oldies „Juno“, „Wilhelm Tham“ und die „Diana“ befahren heute noch den Kanal - die betagte „Juno“ tuckert gemächlich seit 1874 über den Kanal und ist eines der ältesten Passagierschiff der Welt! Vielleicht wäre dies oder ein anderes der Passagierschiffe ja auch mal eine Möglichkeit, entspannt von Stockholm nach Göteborg zu reisen und Schwedens blaues Band zu entdecken?

Weitere Impressionen meiner Reise folgen in den nächsten Wochen! Die Tour wird bis September per Fahrrad ans Nordkapp führen.

Text und Fotos © Reinhard Pantke

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