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Reise-Blog: Start ins Baltikum

30.07.2014

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Skandinavien-Tour Sommer 2014


Der Reise-Journalist Reinhard Pantke berichtet von seiner aktuellen Tour mit dem Fahrrad durch das Baltikum, Schweden und Norwegen bis nach Nordfinnland. Begleiten Sie ihn virtuell auf seiner Reise bis zum Nordkap und erfahren Sie interessante Details über Land und Leute!

Es geht los

Endlich geht es los - seit Tagen türmen sich Karten, Objektive, Zelt, Kleidung und alles, was man für eine 4.000 km lange Radtour braucht, in einem 30 kg, chaotischen, großen „Berg“, der hoffentlich gut verstaut in den Fahrradtaschen Platz finden wird! Ein Sprung ins kalte Wasser, da das neue Rad erst vor zwei Tagen fertig ausgeliefert werden konnte und ich keinerlei Zeit zum testen habe. Das alte Rad geht nach mehr als 60.000 km in vollverdiente Rente.

Nach vier Tagen und 350 km Testfahrt nach Kiel, steige ich auf die Fähre nach Klaipeda in Litauen. Drei Monate Nomadenleben warten auf mich auf meiner Fahrt zum Nordkapp.

Die Kurische Nehrung

Ein merkwürdiges Gefühl: Russland oder besser gesagt, die Enklave um das ehemalige „Königsberg“, liegen im Westen, wenn man von Klaipeda die kurische Nehrung nach Osten befährt. Die langgestreckte, kurische Nehrung ist zur Hälfte Litauisch und zur anderen russisch. Über 50 km radle ich entlang endloser, feindsandiger Sandstrände, die sich hinter gigantischen Sanddünen verbergen. Jetzt Ende Mai ist hier kaum jemand unterwegs, aber in der Hochsaison sind die Strände von Sonnenanbetern belagert.

Auch „Radmuffel“ werden das Radeln hier geniessen: Abseits der Hauptstrasse geht es auf kurvigen Radwegen bis zum russischen Grenzübergang, der die kuriusche Nehrung in zwei Seiten teilt.

Die Innnenseite der Nehrung liegt still vor mir und ich versuche mir vorzustellen, welch Grauen sich hier abspielte, als die Deutschen gegen Ende des zweiten Weltkrieges vor den vorrückenden Sowjets versuchten, über das tückische Eis des Haffs in Richtung Westen zu fliehen.

Weiter nach Lettland

Nicht nur die über 32 Grad im Schatten bringen mich ins Schwitzen, sondern auch der Anblick der unglaublich vielen hübschen Frauen an den Ostsee-Stränden. Binnen zwei Tagen plumpst das Thermometer leider bis auf 9 Grad herunter und ich denke kurzzeitig an Handschuhe. Bald überquere ich die Grenze nach Lettland und mit den gut ausgebauten Fahrradwegen ist es dann leider erstmal vorbei.

In Lettland wird seit Anfang des Jahres, wie auch in Estland mit dem Euro bezahlt, worüber nicht jeder glücklich zu sein scheint, da die Preise zumindest gefühlsmässig stark angestiegen sind. Für „Uns“ mag das Leben dort vergleichsweise günstig sein, aber viele Letten verdienen grade 500,- bis 700,- Euro im Monat. Als ich in einem ländlichen Cafe für ein Stück Kuchen, einen Kaffee und einen großen O-Saft grade mal insgesamt 2,50 Euro bezahle, frage ich die Kasssierin, ob sie nicht etwas vergessen habe; „Nein“, sagt sie lächelnd „mehr können die Leute bei uns nicht bezahlen“.

Viele der beschaulichen Städte mit ihren rumpeligen Kopfsteinpflasteralleen und den leicht verstaubten Auslagen erinnern mich an Ostdeutschland ein paar Jahre nach der Wende. Überall in den Städten stehen Umbruch und langsamer Verfall direkt nebeneinander: Neben schiefen Holzhäuser ragen spiegelnde Glaspaläste und Einkaufszentren in die Höhe. Dafür gibt es ganz selbstverständlich in den Städten gratis WLAN. Arzttermine und z.B. Wahlgänge (wie in Estland) werden im Internet gemacht. Das Baltikum ist eine interessante Mischung aus Aufbruch, osteuropäischer Beschaulichkeit und skandinavischer Fortschrittlichkeit. Ähnlich sieht es auch in den ländlichen Gegenden aus. Einige der Strassen, die sich als schier endlose Graden durch das dünnbesiedelte Land schneiden, sind bereits breit und gut ausgebaut. Auf anderen habe ich manchmal Sorge, mein Vorderrad in den Schlaglöchern zu versenken. Beschaulicher geht es kaum, Wälder und Wälder soweit das Auge reicht, direkt an der Strasse nisten unzählige Störche. Noch immer sieht man in vielen Orten Überreste sowjetischer Kasernen. Die russischstämmigen Bewohner stellen in allen drei Ländern eine starke Minderheit dar, die sich scheinbar aber nach Westen orientiert.

Riga

Die lettische Hauptstadt wird nach insgesamt 400 Radkilometern erreicht. Die Altstadt der alten Hansestadt mit ihren wunderschönen Jugendstilhäusern, den tollen Kneipen und Cafes begeisteren mich ebenso, wie das Schloss und die weitläufigen Boulevards der Neustadt.

Von hier aus geht es mit der Fähre hinüber nach Stockholm, doch das ist eine andere Geschichte.

Text und Fotos © Reinhard Pantke