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Baltic Sea Circle 2015 - Team Heinrich und die Reise um die Ostsee

20.07.2015

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8200 km in 16 Tagen in einem 93er Volvo 245. Einmal um die gesamte Ostsee durch 10 Länder. Vom Start in Deutschland (Hamburg) über Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Russland, Estland, Lettland, Litauen und Polen landete das Team punktgenau auf der Start- und Zielgeraden schließlich wieder in Hamburg.

Es war die Reise ihres Lebens. Und es gibt wohl kaum Worte, die beschreiben können, mit welchem Gefühl das Team Heinrich nach Hause kam. Für den Rest haben die drei Abenteurer mal diesen Versuch hier unternommen:


Der Startschuss

Was für ein Anblick. Ein Trabant bläßt Ruß in Richtung Elbe, ein gewaltiger Feuerwehrwagen rollt an uns vorbei, Team Super Sonic feiert und tanzt in amerikanischen Einteilern und die Volvo Fraktion rollt lässig zur Startrampe. Wir, drei wagemutige, junge Herren mit Führerschein und fehlendem Schrauberwissen, treffen die letzten Vorkehrungen und erfreuen uns an all den euphorisierten Blicken. Wir sind immer noch etwas ungläubig. Aber es scheint jetzt wohl los zu gehen. Dann rein ins Auto. Am Hamburger Hafen ertönt der Startschuss...

Wir rollen langsam zur Startlinie, „Maschine“ begrüßt uns mit einem herzlichen „Hallo“ und der Frage, wer denn eigentlich Heinrich sei. Da wir das selbst nicht wissen, flüchten wir uns in ein verstohlenes Lächeln und hanebüchene Erklärungen. Dann winkt er uns durch und wir sind auf der Straße. Erstes Ziel: Dänemark. Korrektur Ziel: Erst einmal aus Hamburg rausfinden. Denn da war ja noch etwas mit den Regeln. Die besagen: Keine Autobahnen, kein GPS.

Glücklicherweise wurde erstere Regel gleich mal für den ersten und den letzten Tag aufgehoben, so dass wir schnurstracks die dänische Grenze erreichen. An der Fähre kommt es dann zu ersten Berührungen mit schwedischen Fans und einem Wetterbericht, der leider nicht lügt. Die Östersundbrücke versinkt im Regen und Oswald durchläuft seine Jungfernfahrt. Und wie es sich für einen echten Schweden gehört, gleitet er majestätisch dahin.

Die zweite Taufe

Wir lassen Dänemark hinter uns und quartieren uns bei anhaltendem Starkregen des Nachts in einem schwedischen Wald ein. Kein optimaler Start befinden wir, lassen unsere Laune davon jedoch nicht trüben. Denn bereits am nächsten Abend werden wir für alles entschädigt. Wir dringen tief ins Herz Schwedens vor, tief hinein in diese beeindruckenden Wälder und zum ersten Mal bekommen wir Rallyegefühle.

Auf der Suche nach einigen Findlingen und einem geeigneten Schlafplatz, treiben wir uns auf entlegenen Feldwegen herum und Christian beschließt, Oswalds zweite Taufe gleich hier und jetzt stattfinden zu lassen. Übersetzt: Er gibt ordentlich Gas. Hinter uns nur noch Staub und allerlei Geäst, was nur so herumfliegt. Die Kurven werden hart geschnitten, die Bremsbeläge auf Tauglichkeit untersucht und dass er die Finger von der Handbremse lässt, wundert uns ein wenig. Oswald und seine vier treuen Gefährten an den Achsen macht das ganze Manöver nichts aus. Natürlich nicht.

Am Ende des Tages grillen wir an einem See und wissen schon jetzt, wo wir morgen früh baden gehen.

Im Jahr 1990?

Unser Weg führt uns in den kommenden Tagen in immer nördlichere Gefilde. Die Landschaft wird rauer, die Temperaturen sinken, das Material wird zunehmend stärker beansprucht, unser Reisetempo pegelt sich auf durchschnittlich 70 km/h ein. Am Ende des vierten Tages erreichen wir den Polarkreis, 24 Stunden später stehen wir mit einem kühlen Bier bei herrlicher Mitternachtssonne auf den Lofoten und feiern zusammen mit den anderen Teams das Team Heinrich, alle Anderen und das gewaltige Lagerfeuer, dass da so vor sich hin zündelt.

Ab jetzt verabschiedet sich die klassische Nacht für sechs Tage und wir verlieren endgültig den Bezug zu Zeit und Raum. Wir fahren, wenn es irgendwie geht, verbringen die weißen Nächte an Seen, in den norwegischen, finnischen und russischen Wäldern, erreichen das Nordkap bei Regen und 2 Grad auf dem Thermometer und leben in einer Blase, die uns vor fast allem schützt und durchweg gute Laune verbreitet.

Es wird immer unwirklicher und den vorläufigen Höhepunkt dazu gibt es an der finnisch-russischen Grenze. Dort werden wir Zeugen eines etwas absurden Schauspiels, dass uns gefühlt in die Zeit um 1990 zurück versetzt. Wir haben kaum verwertbare Grenzerfahrungen, doch so muss es damals ungefähr gewesen sein. Grimmige, spaßbefreite Beamte, die stur einem Plan folgen, der uns nur wenig schlüssig erscheint und in Sachen Zeitmanagement erheblichen Verbesserungsbedarf aufweist. Wir halten uns mit Vorschlägen zurück und sind froh, als wir den letzten Grenzposten, der aus einem Beamten und einer Brett-Schranken-Konstruktion besteht, passieren.

Was dann folgt, verdient eine neue Definition des Begriffes Straße und geht als ultimativer Reifen- und Stoßdämpfertest in die Geschichte ein. Auf einer Strecke von gut siebzig Kilometer türmen sich Bodenwellen vor uns auf, die jeden Blick auf die Straße versperren. Schlaglöcher, groß wie Sandkästen, vor denen so halbherzig mit einem Schild gewarnt wird, dass wir es nicht ernst nehmen können. Manchmal haben wir das Gefühl, die Erde würde sich vor uns auftun und nur ein beherztes Herumreißen des Lenkrades, würde uns retten. Wir könnten diese Verhältnisse verurteilen, doch eigentlich denken wir nur eines: Endlich wieder Rallyegefühle! Mit 80 km/h donnern wir über die Piste. Es ist ein ständiger Wechsel von Beschleunigung, hartem Bremsen, Lenkmanövern, das unangenehme Geräusch des Aufschlagens, der Geruch von Reifen und dem zwiegespaltenen Emotionen der Insassen aus wahrer Freude und großer Sorge.

Angekommen auf einem asphaltierten Stück Lebensqualität, steigen wir kurz aus, um einen Blick auf unser Gefährt zu werfen. Einhellige Meinung: Alles noch dran. Sehr gut!

Ein Erlebnis nach dem Anderen

Auf so viel Spaß folgt die große Langeweile. Die 1500 km zwischen Murmansk und St.Petersburg sind in etwa so spannend wie die ersten 100 Seiten der Buddenbrooks. Wir kämpfen zunehmend mit der Müdigkeit, der Fahrer muss nun häufiger gewechselt werden. Dafür erleben wir wie erwartet in St.Petersburg eine rauschende Nacht, mit russischer Gastfreundschaft, viel Vodka und einem Hotel das glücklicherweise nur 300 Meter von der Strandbar entfernt liegt. Zurück auf der Straße verbinden wir unsere Wunden und tragen unsere Sonnenbrillen zur Schau. Auf zur nächsten Party, auf nach Estland.

Die Esten haben in einem Wald bei Rudsilla ein Indianerdorf errichtet, dass so perfekt ist, dass man direkt einziehen möchte. Riesige hölzerne Zelte, zum übernachten und speisen. Eine Sauna, direkt in den Boden gebaut, davor ein kleiner Bach, der zur Erfrischung dient. Auch hier wieder Lagerfeuer, estisches Bier und allerlei Romantik. Eindeutig unter den Top 3 dieser Reise.

Am nächsten Tag kommt es dann zur letzten Reifenprüfung. Dafür haben wir uns ein lauschiges Plätzchen in einem lettischen Wald ausgesucht, dass aufgrund der wieder zurückgekehrten Nacht kein Problem, aber eine Aufgabe darstellt. Wir verabreden uns mit einem anderen Team, um dort zu zelten und verlassen uns auf so konkrete Angaben wie: Wald, Nähe Campingplatz, 500 m vor der Tankstelle links einbiegen, nach 400 m müsstet ihr ein Licht sehen. Wenn nicht, seid ihr falsch abgebogen.

Auftrag verstanden und direkt falsch abgebogen. Der Waldweg ist eng, die Tannen biegen sich bedrohlich nach innen, die Wurzeln der Bäume ragen so hoch aus dem Boden heraus, dass man annehmen könnte sie versuchen einen Trail Pfad zu errichten. Oder irgendetwas mit viel Spaß für Mountainbiker. Für Autos eher ungeeignet. Wäre da nicht der unverwüstliche Oswald. Er kommt zwar reichlich in Schräglage und unser Tempo gleicht eher dem eines gemütlichen Spaziergängers, doch er meistert auch das. Nach gut 700 m haben auch wir begriffen, dass da kein Licht mehr kommt und weil ein Waldweg meist eine Einbahnstraße ist, ist allen Beteiligten klar, was das bedeutet. Zieht die Radmuttern nach, wir fahren zurück!

Das war knapp!

Die letzten Tage verbringen wir mit dem Betrachten von Warnsignalen im Armaturenbrett, von denen wir siegessicher sagen, dass sie nichts zu bedeuten haben. Wir reißen Kilometer um Kilometer ab. Wir durchqueren Litauen, Kaliningrad, Polen und schließlich die deutsche Grenze. Wir sind inzwischen sehr müde und freuen uns über die erste Dusche seit drei Tagen. So können wir ins Ziel fahren, denken wir uns. Und weil wir bei dieser Rallye immer irgendwie hinterher hingen und hinterher fuhren, wird es auch nun noch einmal verdammt knapp.

Wir beginnen zu rasen, nehmen nun endlich wieder die Autobahn, geraten natürlich in einen Stau und kommen zwanzig Minuten vor sechs in Hamburg an. Um in die Wertung zu kommen, haben wir nun also zwanzig Minuten Zeit, um es bis zum Hafen zu schaffen. Das sollte doch wohl möglich sein. Sollte... Wir verfahren uns natürlich noch einmal, fahren an der Ziellinie vorbei und um Punkt 18 Uhr sehen wir die schwarz weiß karierte Fahne vor unserer Motorhaube. Wir haben es geschafft. Wir haben die Ostsee umrundet. Oswald war durch nichts zu erschüttern. Alles sitzt dort, wo es hingehört. Und wir, Team Heinrich, sind sehr, sehr glücklich.

Euer Team Heinrich


Infos

Wann:
13. - 28.06.2015

Wo:
10 Länder - Start/Ziel in Hamburg

Was:
Baltic Sea Circle - 7500km

Teilnehmer:
134 Teams